Zielscheibe

Bewusst im gegenwärtigen Augenblick

Wahrnehmen und ohne Bewertung üben

Die deutsche Heilgymnastin Elsa GINDLER wurde einmal gefragt, was am meisten helfe, um ein guter Heilgymnast zu werden und sie soll geantwortet haben „werden Sie erfahrbereit!“ Dies kann auch für das Therapeutische Bogenschiessen gelten.

Ihre Schülerin Charlotte SELVER emigrierte Ende der dreißiger Jahren nach den USA und entwickelte dort auf der Grundlage der Lehren von Elsa GINDLER eine heilgymnastische Bewegungslehre in deren Mittelpunkt das bewusste Wahrnehmen sinnenhafter Erfahrungen steht: „Sensory Awareness“ (= sinnenhaftes Gewahrsein).

Was sie am Beispiel der Heilgymnastik als sensorische Bewusstheit vermittelte ist im Kern die heute mit den Namen Kabat-Zinn verbundene psychotherapeutische Achtsamkeitsschulung. Diese jedoch beruht auf der Jahrtausende alten Lehre des Vipassana (skrt: Vipashyana) aus dem Yoga:

„Im Grunde genommen ist Achtsamkeit ein ziemlich einfaches Konzept. Seine Kraft liegt in der praktischen Umsetzung und Anwendung. Achtsamkeit beinhaltet, auf eine bestimmte Art und Weise aufmerksam zu sein: bewusst im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu bewerten“ (John Kabat-Zinn, entwickelte das Konzept der MBSR).

„Bewusst im gegenwärtigen Augenblick“ ist auch ein zentrales Motiv in der Gestalttherapie nach Fritz PERLS – das bedeutet zunächst, dass man der Sinneswahrnehmungen gewahr und sich dieses Wahrnehmens bewusst wird, wie es in jedem Augenblick entsteht und vergeht; Gewahrsein ist also Voraussetzung für Achtsamkeit. Gleichzeitig wird man auch der Gedanken gewahr, die im gegenwärtigen Augenblick durch das Hellfeld des Bewusstseins schweben. Hier kommt der Nachsatz „ohne zu bewerten“ ins Spiel. Diese Anweisung scheint einfach; aber das täuscht.

Wir können gar nicht anders, als unsere Wahrnehmung ständig zu bewerten und zu kategorisieren, denn diese Fähigkeit sichert uns das Leben und gehört zur biologischen und sozialen Grundausstattung als kritische Einstellung auf die Welt. Darauf beruht die Fähigkeit, sich zu etwas hingezogen zu fühlen oder im Gegensatz dazu abgeneigt zu sein, etwas zu meiden, weil es Angst macht oder bedrohlich ist.

Die meisten unserer Bewertungen sind uns nicht bewusst, können aber diffuses Unbehagen bis zu körperlicher Anspannung auslösen. Jeder von uns hat sein ganz individuelles gewohntes Bewertungssystem als Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Je bewusster wir diese Funktion wahrnehmen, statt ihr automatisch zu erliegen (Funktion im Autopilotenmodus), desto freier können wir entscheiden, ob und wie wir sie verändern oder beibehalten wollen. Diese Kategorisierung und Zuschreibungen, mit deren Hilfe wir unsere Wahrnehmung ordnen und das Denken als ein Ordnen des Tuns vorbereiten, sind aus einer Haltung des Gewahrseins und der Achtsamkeit leichter zugänglich.

Achtsamkeit enthält auch das Spielerische, Initiatische, (das der Straßenkehrer im Roman „Momo“ praktiziert) und dieser spielerische Anfängergeist vertieft und erweitert die Selbstwahrnehmung, stärkt die Selbstwirksamkeit und Selbstverfügung: „Kann und darf“ anstelle von „soll und muss.“

Das Leben kann als ein Rätsel, ein zu lösendes Kôan aufgefasst werden; solange wir es lösen müssen, wird es nur schwer gelingen. Doch wenn wir es lösen wollen – im spielerisch-initiatischen Geist – kann es gelingen. Dazu gehört allerdings auch das Sehnen, es lösen zu wollen.

Dieses Sehnen ist keine Sehn-Sucht im Sinne eines Siechtums, sondern eine Suche als die Steigerung der Fähigkeit, das rechte Erwarten zu üben. Dies ist der zentrale Punkt beim Verweilen in der höchsten Spannung vor dem Lösen des Schusses. Eugen Herrigel berichtet hierzu aus seiner Lehrzeit bei Awa Kenzo, der ihn in einer krisenhaften Situation seines Bogenweges darauf hinwies „Sie müssen das rechte Erwarten lernen…“

Kinder und Jugendliche bedürfen der Erziehung; Erwachsensein und Mündigsein bedeutet, selbst zum eigenen Erzieher geworden zu sein. Doch auch Erwachsene bedürfen nicht selten der Anleitung (durch einen Mentor, im Coaching), sich als Subjekt ihres Entwicklungsprozesses zu verstehen. Damit sie Selbstbewusstsein entwickeln, müssen sie lernen, mit ihren Emotionen konstruktiv umzugehen; es geht also zuerst um emotionale Selbstregulation. Achtsamkeit lehrt, die Identifikation mit dem Körper zu erweitern und die eigene leibliche Erfahrung im Tun als Resonanz der geistigen Erfahrung auf der leiblichen Bühne zu erleben. Hier begegnen uns Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken, mit denen wir uns beschäftigen und auseinander setzen müssen, ob und wie wir sie in unser Selbstverständnis integrieren, verwandeln oder abweisen wollen.

Dieser Prozess wird durch das pädagogische, therapeutische und initiatische Bogenschießen je nach Zielsetzung intensiviert, dem Bewusstsein nahe gebracht und dem Selbstverständnis zur Erweiterung des Selbstkonzeptes zur Verfügung gestellt.